Die Presse


Eine höllische Geschichte
Tagblatt  23. August DIETER LANGHART

Teuflisches Musiktheater wird auf Schloss Girsberg mit Bulgakows «Meister und Margarita» geboten: Cornelia Montani, Simon Engeli, Daniel Schneider, Otto Edel- mann, Joe Fenner. (Bild: Dieter Langhart)

Tagblatt

KREUZLINGEN. Aus Michail Bulgakows «Meister und Margarita» macht die Frauenfelder Theaterwerkstatt Gleis 5 auf Schloss Girsberg ein teuflisches Vergnügen, reich an Musik, Bewegung und Einfällen. Keine leichte Kost – zum Glück nicht.

Jedes Jahr liest Noce Noseda «Meister und Margarita», jetzt hat der Regisseur aus Michail Bulgakows mächtigem Roman für die Frauenfelder Theaterwerkstatt Gleis 5 ein Stück gemacht. Was für ein Stoff! Was für ein Stück! Was für ein Spass! Ein Stoff aus Lust und Verzweiflung, Liebe und Hoffnung, Andeutung und Eindeutigkeit. Und auf Schloss Girsberg ein Stück voller Musik und Poesie, die das Grinsen und das Grauen durchweben.

Dichterköpfe rollen

«Der Meister und Margarita» ist keine leichte Sommerkost. 600 Seiten stark ist Bulgakows Roman in Alexander Nitzbergs kongenialer neuen Übersetzung. Wer ihn noch nicht gelesen hat (unbedingt nachholen), dem seien des Regisseurs kurze Einführung vor der Aufführung ans Herz gelegt und das informative Programmblatt.

Ist auch kein Stück für schwache Nerven. Da werden Journalisten geköpft und Dichter in die Irrenanstalt verdammt, da werden Geldscheine gezaubert und Geliebte wiedergefunden, da tritt der Teufel mit seinen Gehilfen auf und stellt eine Stadt auf den Kopf, das Moskau der Stalinzeit.

Geschickt hat Noce Noseda das an Episoden überreiche Geschehen ausgedünnt und die Politik und ihre Mechanismen weggelassen, auf die Bulgakow satirisch anspielt, hat sich auf drei Ebenen konzentriert: die Frage nach gut und böse (Meister und Magier), die Liebesgeschichte (Meister und Margarita), die Philosophie (die vom Meister verfremdete Passionsgeschichte).

Verwinkelt und verzahnt

Am stärksten wirken in der Inszenierung die Teufelsspässe, Verwechslungsszenen und Ausflüge ins Gespensterliche. Da wechseln die vier Schauspieler und drei Musiker – Cornelia Montani am Akkordeon und in drei Frauenrollen wirkt als Scharnier – im Fluge ihre Rollen, wandeln Gesicht und Gewand, hechten über die Bühne.

Konstanz' Altmeister Otto Edelmann gibt einen durchtrieben grinsenden, aber letztlich resignierenden, seinen Degen übers Parkett schleifenden Magier; Ingo Biermann ist ein kauzig-unterwürfiger Teufel, aber blasser Pontius Pilatus; variantenreich wechselt Simon Engeli zwischen Lyriker Besdomny, Jeschua und Kater Behemoth; Joe Fenners Mimik überzeugt eher als sein Duktus.

Vierte, wichtige Ebene: Die Musik verzahnt sich wunderbar mit dem Stück, dem nicht leicht zu folgen ist. Das Lili Passepartout Trio spielt Arrangements von Wladimir Wyssozki leichthändig und behende – ein Genuss.


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Was für ein Theater!

Kreuzlinger Zeitung 23. August

Kreuzlingen – Mit einer fabelhaft vielschichtigen Vorstellung premierte das Ensemble des Girsberg Theaters am vergangenen Dienstag. Morgen und übermorgen sind wei‐ tere Vorstellungen, jeweils um 20 Uhr. (Text: Joachim Kohler)

KrZe

Die «kleine» Stadt Kreuzlingen überrascht wieder einmal aufs Neue ihre BewohnerInnen und auswärtigen Freunde der Kunst «ennet und dennet» der Grenze mit einem «grossen» und ganz speziellen Kulturangebot. Wie schon seit vielen Jahren üblich, werden in Kreuzlingen im Juli und im August an zwei historisch besonders markanten und reizvollen Plätzen qualitativ hochstehende Freilichttheateraufführungen gespielt. Nachdem also auch dieses Jahr wieder im idyllisch gelegenen Seeburgbark ein Werk des gleichnamigen Theaters Dernière feierte, wurde auf der dankenswerterweise noch aufgebauten Seebühne das Theaterschaffen der letzten 20 Jahre des Regisseurs Leopold Huber mit dem Thurgauer Kulturpreis ausgezeichnet.

Kurze Zeit danach begann dann bereits auf dem geografisch gegenüberliegenden Schauplatz von Kreuzlingen das andere Ensemble mit ihrem Theaterstück vor dem Schloss Girsberg, welches ebenfalls einen Preis gewonnen hat, zumindest für die Gäste der Premiere am letzten Dienstag, nämlich den Publikumspreis der Herzen. Und daran konnten auch die widrigen Umstände, wie dies bei Freilichtaufführungen immer so typisch ist, nichts dagegen ausrichten.

Meisterliche Leistung

So hörte man zu Beginn zusätzlich noch die Klänge zu «When the Saints go Marching in» vom Seerhein her‐ über tönen, während man dann kurz vor der Pause durch den feinen Geruch von Bratwürsten olfaktorisch auf die Probe gestellt wurde. Überhaupt verlangte der Handlungsablauf des komplex angelegten Theaterstückes den Zuschauern ein hohes Mass an Konzentrationsvermögen ab, welches dann jedoch durch geradezu meisterhafte Leistungen der SchauspielerInnen und MusikerInnen mehr als belohnt wurde.

Schnelle Szenen- und Rollenwechsel kontrastierten zu psychodynamisch anmutenden «Freezingphänome‐ nen» und bildeten eine aktionsgeladene Dynamik über die gesamten zweieinhalb Stunden des Stückes. Wer also morgen oder übermorgen noch nichts vor hat, dem sei «Der Meister und Margarita» vom Girsbergthea‐ ter wärmstens empfohlen, auch wegen der Decke, die es mitzubringen sich lohnt. 


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Sympathie für den Teufel
13.08.2013 | von Jürgen Scharf | Südkurier LAUFENBURG

BadZe

Laufenburg - Ein teuflisches Musiktheater nach Michail Bulgakow bei den Laufenburger Kulturtagen.
„Sympathy For The Devil“ heißt einer der erfolgreichsten Songs von Mick Jagger – inspiriert von dem Roman „Der Meister und Margarita“ des Russen Michail Bulgakow. Der Roman schildert satirisch das Leben in Moskau. Am Sonntag zeigte die Theaterwerkstatt Gleis 5 bei den Laufenburger Kulturtagen eine dramatisierte Fassung des prallen Stoffes, der es mit Goethes „Faust“ aufnehmen kann.

Im Mittelpunkt des teuflischen Musiktheaters steht kein Geringerer als der Teufel selbst. Er erscheint in Gestalt des Professors für schwarze Magie, Voland, mit Gefolge. Ein eleganter Herr im weißen Sommeranzug, der sich in der Moskauer Gesellschaft als Zauberkünstler einführt und Missliebige gleich ins Jenseits befördert – aber immer mit Nonchalance. (…)


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Auf Augenhöhe mit Goethes Mephisto
Badischer Zeitung, 13.8.13

"Der Meister und Margarita": Musiktheater-Spektakel überflutet das Publikum in der Codmananlage mit Szenen und Effekten.

Südkur

Der Teufel trägt weiß. Im Sommeranzug, mit Strohhut und Spazierstock erscheint der feine Herr, der sich als Professor für schwarze Magie ausgibt, und stiftet allerhand Verwirrung in dem fantastischen Musiktheater-Spektakel "Der Meister und Margarita".  Fast drei Stunden lang verfolgte das Publikum bei Laufenburgs Kulturtagen "Fließende Grenzen" am Sonntagabend in der Codmananlage am Rhein das Treiben des dämonischen Magiers, der es mit dem Mephisto aus Goethes "Faust" aufnehmen kann.

Sommerlich leichte Freilichtunterhaltung war diese Inszenierung des Theaters Werkstatt Gleis 5 wahrlich nicht. Sie forderte den 160 Zuschauern einiges ab, um das verwirrende Geflecht von Figuren, Szenen, wechselnden Schauplätzen und verschiedenen Handlungssträngen zu entwirren. Es ist überhaupt ein tollkühnes Unterfangen, Michail Bulgakows komplexen Roman "Der Meister und Margarita" auf die Bühne zu bringen. Geht es darin doch wie in Goethes "Faust" um den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, um philosophische, religiöse und existenzielle Dispute, um Fragen über Gott, den Glauben, Tod und Teufel.

Als wäre das nicht schon Theaterstoff genug, ist das Stück auch noch sozialkritische Satire und bitterböse Groteske über das Leben, Lieben, Dichten und Denken im sowjetischen Moskau Ende der 1920er Jahre. Außerdem spielt sich noch eine Künstlertragödie ab, denn der Titelheld, der Meister, ist ein namenloser Schriftsteller, der einen Roman über Pontius Pilatus verfasst hat und darüber in Ungnade – und in Verzweiflung – fiel. In einigen Szenen tritt Pilatus leibhaftig auf, wie eine Erscheinung aus biblischer Geschichte. Ja, und dann entspinnt sich in diesem Reigen satirischer, skurriler und unheimlicher Szenen noch die Geschichte einer großen Liebe, die über den Tod hinaus dauert, der zwischen dem Meister und seiner Margarita.

Fast ohne Kulissen, nur mit wenigen Requisiten wie einer roten Bank und einem schwarzen Telefon, inszeniert Regisseur und Bearbeiter Andrea Noce Noseda diese faustisch-teuflische Tragikomödie als rasant von Szene zu Szene springendes Schauspiel, illustriert mit rhythmisch ausgelassener russischer Musik und politischen Satireliedern des russischen Komponisten

Wladimir Wyssozki. Die fünf Schauspieler, die teils selbst die Musik machen, agieren höchst wandlungsfähig in zig Rollen. Auch die Theatermusiker Cornelia Montani, Christoph Elsaesser und Daniel Schneider sind schauspielerisch in die Szene involviert.

Die Zuschauer werden überflutet von einer schnellen Szenenfolge, von magischen, knalligen und circensischen Effekten, wenn der Meister der schwarzen Magie seine Zauberkünste zelebriert: Feuerschluckerei, pyrotechnische Tricks, Goldregen aus der Pistole. Schauerlich und makaber wird es beim dämonischen Ball, bei dem die Bösewichte der Geschichte, von Lucrezia Borgia bis zu Graf Dracula ihre Aufwartung machen.

Mephistophelische Ironie und dämonische Kräfte

Otto Edelmann gibt den teuflischen Monsieur Voland als eleganten Gentleman und geheimnisvollen Magier, der mit Nonchalance, mephistophelischer Ironie und dämonischen Kräften die Figuren und die Geschehnisse lenkt. Simon Engeli ist mal der aufsässige russische Lyriker, der im Irrenhaus landet, mal der Teufels-Kater, der mit Halbmaske und komödiantischen Gesten und Späßen den Hofnarren des Satans spielt. Als resignierter, zweifelnder "Meister", der seine Geliebte und sein literarisches Feuer verloren hat, ist Joe Fenner überzeugend. Cornelia Montani verkörpert gefühlvoll die unglückliche Margarita, die sich durch einen wirbelnden Spuk in eine Hexe und die Ballkönigin verwandelt, um ihren Geliebten zurück zu gewinnen.

Die Sommernacht am Rhein war schon kühl geworden, als dieser an Phantastik, Parodie, aberwitzigen Effekten und dämonischem Zauberspektakel überreiche Abend zu Ende ging.


Teufelsspuk und Liebesschmerz
Rheintaler, 16. August 2013 MAYA SEILER

(…)

Phantastische Schauspieler

Die hervorragenden Darsteller überzeugten mit raschem Rollen- und Kostümwechsel und hinreissend gespielten Songs. Otto Edelmann verkörperte als Professor der schwarzen Magie den Teufel mit verführerischem Charisma. Cornelia Montani als Margarita, Geliebte des Meisters, zeigte sich einmal ergreifend, nach ihrer Verwand- lung zur Hexe wieder temperamentvoll. Der Meister wurde von Joe Fenner sensibel gespielt; weitere Auftritte hatte er als Berlioz, Direktor der Schriftsteller-Gewerkschaft, bei einem Verkehrsunfall getötet, und als Theaterdirektor Lichodejew, von Volands Gefolge nach Jalta verbannt.

Grossartig war auch Simon Engeli, der fast nahtlos zwischen seinen Rollen als Dichter Besdomny, Jesus von Nazareth und dem vorlauten, agilen Kater Behemoth in Knickerbockern und Halbmaske wechselte. Mit ausdrucksvoller Mimik und Körpersprache spielt Ingo Biermann den Assistenten Volands, Korowjew, in kariertem Anzug und Zwicker. Ein zur Toga gewickeltes Leintuch verwandelte ihn in Pontius Pilatus.

Stimmige Musik

Atmosphärische Klänge, aber auch Protestmusik des russischen Liedermachers Wladimir Wyssozki und wilde Hexentänze untermalten das komplexe Geschehen. Zur Entourage des Satans gehörten auch die Musiker Daniel Schneider, Klarinette, und Christoph Elsässer, Kontrabass. Je nach Situation wurden sie von den Schauspielern singend und mit Akkordeon, Geige, Gitarre, Saxophon und Schlagzeug unterstützt.

Gegen 100 Zuschauer

Die Inszenierung des 700-seitigen Romans von Bulgakow mit mehr als zehn Haupt- und zahlreichen Nebenrollen verlangte den fünf Schauspielern und zwei Musikern alles ab. Gegen 100 Theaterbesucher liessen sich verzaubern von der Haupt- und den zahlreichen Nebenhandlungen. Man müsste das Stück wohl ein zweites Mal sehen, um alle Feinheiten der witzigen oder nachdenklichen Dialoge zu würdigen, die im Faust-Zitat von Voland endeten: «Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft».





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